
Andreas Jacobs
Vollverschleierung in Ägypten: Streit um mehr als ein Stück Stoff
Nicht
nur in Europa, auch in Ägypten wird über die Vollverschleierung gestritten. Und
wie in Europa geht es auch in Ägypten um religiöse und kulturelle Identität, um
das Verhältnis von Staat und Religion und um die Frage, was eigentlich
„islamisch“ ist, und wer das festlegt. Aber die ägyptische Diskussion um die
Vollverschleierung bzw. um den „Niqab“ (Gesichtsschleier)
weist noch eine Vielzahl von weiteren Facetten auf – und einige Eigentümlichkeiten.
Beim ägyptischen Niqab-Streit geht es auch um politischen
Einfluss und nationale Sicherheit, um
Klassenschranken, Etikette und Lebensstile und schließlich auch um Sexualität
und Kriminalität.
Es fing an mit der
Schweinegrippe. Anfang Oktober 2009 besuchte der im März 2010 verstorbene
Großscheich der Al-Azhar-Universität, Mohammed Sayyid Tantawi, eine zur Al-Azhar
gehörende Grundschule, um sich über Vorsorgemaßnahmen gegen die Ausbreitung des
H1N1-Virus zu informieren. Was der Großscheich auf seiner Inspektionsvisite in
der Mädchenschule allerdings vorfand, waren nicht hustende Kinder sondern eine
etwa zwölf Jahre alte Schülerin in schwarzer Vollverschleierung. Es kam zum
Eklat. Der Großscheich, der oft als die höchste Autorität des sunnitischen
Islam bezeichnet wird, soll die Schülerin mit dem Hinweis auf dessen
vorislamische Herkunft, in wenig schmeichelhaften Worten zum Ablegen des „Niqabs“ aufgefordert haben. Kurz nach Tantawis
Schulbesuch sprach sich der Oberste Rat der Al-Azhar
für ein Niqab-Verbot an allen angegliederten
Institutionen und Einrichtungen aus. Rückendeckung bekam er dafür sowohl von
Hochschulminister Hani Helal als auch von
Religionsminister Hamdi Zaqzuq,
die den Niqab beide als „unislamisch“ verurteilten. Helal wies daraufhin die Kairo Universität an,
gesichtsverschleierten Frauen den Zutritt zu den Wohnheimen der Lehranstalt zu
verwehren. Betroffene Frauen und deren Unterstützer gingen daraufhin vor
Gericht. Zahlreiche Klagen und Prozesse folgten. Ein juristischer Schlussstrich
ist nicht in Sicht.
Der ägyptische Niqab-Streit hat vordergründig eine einfache Ursache: die
deutliche Zunahme vollverschleierter Frauen. Während
der Niqab noch vor zehn Jahren in Ägypten lediglich
von Golf-Touristinnen getragen wurde und bei Ägypterinnen die absolute Ausnahme
bzw. völlig unbekannt war, nimmt die Zahl der Niqab-Trägerinnen
seit einigen Jahren stetig zu. Niemand weiß, wie viele Ägypterinnen
mittlerweile in der Öffentlichkeit Gesicht und zum Teil auch Hände und sogar
Augen bedecken, fest steht, es werden immer mehr. Als
Begründung für den Trend zur Vollverschleierung lassen sich in der ägyptischen
Debatte drei, sich gegenseitig überlagernde Begründungszusammenhänge
ausmachen: erstens die Suche nach einem islamisch möglichst korrekten
Lebensweg, zweitens die Beeinflussung durch das familiäre Umfeld und drittens
das Bedürfnis nach Privatsphäre und nach Schutz vor Belästigung.
Begründungen für die
Vollverschleierung
Der überwiegende Teil der Niqab-Trägerinnen begründet seine Entscheidung für die
Vollverschleierung mit der Erkenntnis, dass der „wahre“ islamische Lebensstil
das Tragen des Niqabs vorschreibe. Die diesbezügliche
Quellenlage ist allerdings alles andere als eindeutig. Für die Mehrheit muslimischer
Rechtsgelehrter gibt es für den Niqab keine religiöse
Rechtfertigung.
Nach dieser Mehrheitsmeinung
stellt er eine vorislamische Tradition dar, die sich in den Staaten der
arabischen Halbinsel als Konvention erhalten habe. Trotzdem gibt es in der
theologischen Debatte eine Fülle an Meinungen und Positionen. Mindestens zwei
der vier anerkannten Rechtsschulen des sunnitischen Islam seien eindeutig gegen
eine Niqab-Pflicht, lediglich die strenge hanbalitische Schule spreche sich für den Niqab aus.
Die Niqab-Debatte dreht
sich aber nicht nur um die theologische Begründung der Vollverschleierung, sondern
auch um den damit verbundenen Lebensstil. Das Zusammentreffen ägyptischer
Frömmigkeit mit den traditionellen Bekleidungsvorstellungen der Golfaraber hat
in Ägypten – oft unbemerkt – zur Herausbildung einer „neuen
Orthodoxie“ geführt. Noch aber gibt es bei der Kleiderordnung dieser Orthodoxie
keine hundertprozentig einheitliche Linie: dürfen die Augen frei bleiben oder
nicht? Müssen auch die Hände bedeckt werden und womit? Viele Niqab-Trägerinnen lehnen Vergnügen und weltliche
Unterhaltung ab, sprechen nicht mit Männern, bleiben Feierlichkeiten fern und
verlassen das Haus nur, wenn es notwendig ist. In vielen Fällen spielen bei der
Entscheidung zum Niqab Laienprediger (und Laienpredigerinnen) eine Rolle, die in „illegalen“ Moscheen
und religiösen (Frauen-)Kreisen, vor allem aber über Audiokassetten, private Satellitenkanäle
und über das Internet ihre Vorstellungen verbreiten.
Als zweiter Begründungszusammenhang werden Vorgaben
aus dem familiären und räumlichen Umfeld genannt. Jeder,
der in Kairo lebt, kennt die Geschichten von Niqab-Trägerinnen,
die im Taxi den Schleier ablegen, um in Rock und Bluse
und mit offenem Haar einer Beschäftigung in den Hotels, Banken und Restaurants
der Stadt nachzugehen. Wie in Europa, betonen auch in Ägypten viele Niqab-Trägerinnen, dass sie sich aufgrund religiöser Motive
frei und unabhängig zum Anlegen des Niqabs
entschlossen haben. Das mag in vielen Fällen stimmen, oft ist es aber nur ein
Teil der Wahrheit. Wie viele Frauen den Niqab tatsächlich
aus freier Entscheidung anlegen, und wie viele lediglich Vorgaben oder Zwängen
von Familie und Ehemännern nachkommen, lässt sich seriös nicht feststellen. Angesichts
von Individualitätsvorstellungen, die weitgehend durch das familiäre,
gesellschaftliche und religiöse Lebensumfeld beeinflusst werden, sind die Grenzen
zwischen Freiwilligkeit und Zwang nicht nur in dieser Frage fließend.
Familiärer
Druck geht dabei keineswegs nur in die eine Richtung. Viele Eltern sind
entsetzt, wenn ihre Töchter schon mit 17 oder 18 Jahren mit dem
Niqab experimentieren. Und das mit gutem Grund. Kaum ein
ägyptischer Arbeitgeber duldet den Niqab am
Arbeitsplatz, und nach wie vor wollen viele
potentielle Ehemänner den Niqab nicht – gerade
wenn sie aus besseren Kreisen kommen. Die Tochter im Niqab läuft so Gefahr auf dem hart umkämpften ägyptischen Heiratsmarkt auf der
Strecke zu bleiben.
Der
dritte prägende Begründungszusammenhang des Niqab-Tragens
ist der Schutz vor sexueller Belästigung. Geringe Einkommen, Arbeitslosigkeit
und Klassenschranken zögern das Heiratsalter in Ägypten immer weiter hinaus. In
Folge sind Perspektivlosigkeit, Langeweile und sexuelle Frustration unter
jungen Männern weit verbreitet. Übergriffe gegen Frauen gehören zum Alltag. Das
Anlegen des Niqabs ist (neben dem eigenen PKW) eines
der wenigen Mittel, um sich den Blicken und Tätlichkeiten von Männern zu entziehen.
Auch hier gibt es keine Zahlen, noch nicht einmal seriöse Schätzungen.
Offenkundig ist aber, dass die zunehmende Erfahrung von Frauen mit sexueller
Belästigung mit der Zunahme des Niqabs korrespondiert.
Gerade Frauen, die sich ohne Begleitung in der Öffentlichkeit bewegen müssen
– Berufstätige mit mittleren und niedrigen Einkommen sowie Bettlerinnen
– greifen immer häufiger zum Niqab. Oft schützt
aber selbst das nicht mehr.
Die
Gegner der Vollverschleierung
Der Niqab ist für seine Trägerinnen oft der sichtbare Ausdruck
der Nicht-Übereinstimmung mit den bislang geltenden Definitionen von Religion
und Gesellschaft. Kein Wunder also, dass die Gegner des Niqabs
vor allem in den Reihen des politischen, gesellschaftlichen und religiösen
Establishments zu finden sind. Gerade in diesen Kreisen fürchtet man um
Einfluss und Privilegien und wendet sich mit einer Fülle von Argumenten gegen
den Trend zur Vollverschleierung.
Behörden
und Regierung bemühen vor allem das Sicherheitsargument und verweisen auf eine
Reihe konkreter Vorkommnisse und Missbrauchsfälle. In den Frauenabteilungen der
U-Bahn würden immer wieder Niqab-tragende Voyeure und
Grabscher gefasst. Bankräuber sollen sich des Schleiers ebenso bedienen, wie Terroristen,
Trickbetrüger und Prostituierte. Hinter der Sorge vor Missbrauch stehen aber
oft noch eine Reihe anderer, oft stiller Befürchtungen. Der Streit um den Niqab eskaliert in Ägypten auch deshalb, weil Niqab-Trägerinnen allmählich in die sicher geglaubten
Refugien der ägyptischen Mittel- und Oberschicht vordringen. In den abgeschirmten
Parallelwelten der Eliteclubs und Privatschulen war man bislang vor ultraorthodoxen
oder islamistischen Gedankenwelten und Etiketten weitgehend
sicher. Aber dies ändert sich langsam. Aus den Golfstaaten zurückkehrende
Gastarbeiter stellen die fein säuberlich gehütete ägyptische Klassengesellschaft
mithilfe ihres im Ausland erwirtschafteten Wohlstandes zunehmend in Frage.
Nicht wenige Niqab-Trägerinnen sind gut gebildet, vergleichsweise
wohlhabend und selbstbewusst.
Gerade viele ältere Intellektuelle, Liberale und
Säkulare sind angesichts dieser schleichenden Entwicklung entsetzt und
verweisen auf den Siegeszug des Kopftuchs. Auch dieses sei zunächst als Randerscheinung
und Zeichen besonderer Frömmigkeit interpretiert worden, bevor es ab Anfang der
achtziger Jahre allmählich immer populärer wurde. Warum, so fragt man sich in der
dünnen Schicht der Säkularen, solle dem Niqab nicht
gelingen, was das Kopftuch innerhalb einer Generation geschafft habe; nämlich
zum gesellschaftlich erwarteten Bekleidungsstandard der muslimischen Ägypterin
zu werden.
Die von
Vertretern des Staatsislam mehr oder weniger deutlich artikulierte Ablehnung
des Niqabs hat mit Liberalität wenig zu tun.
Tatsächlich geht es auch und vor allem um Politik. Indem die „Verschleierten“
ganz öffentlich Deutungshoheit und religiöse Autorität der staatlichen
Religionsstrukturen in Frage stellen, rühren sie an eine fast heilige Allianz
zwischen Religion und Staat. Ähnlich wie bei der Entscheidung für oder gegen
das Kopftuch in anderen Ländern, spielt beim ägyptischen Niqab-Trend
das Gefühl religiöser Bevormundung und ein gewisses Maß an „Jetzt-erst-recht“-Mentalität
eine Rolle. Viele ägyptische Frauen wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie
sie ihre Religion zu leben haben. Für sie ist der Niqab
auch ein Zeichen des religiösen (und politischen) Widerstandes gegen einen als
korrupt und dekadent empfundenen Staatsislam. Gerade unter Studentinnen und in
der Mittelschicht sind daher viele Niqab-Trägerinnen
zu finden, die sich als spirituelle
Avantgarde und Vorreiter einer religiösen Erneuerung gegen das Establishment begreifen.
Streit
um mehr als ein Stück Stoff
Der Niqab-Streit beleuchtet also schlaglichtartig eine Reihe von Problemen und
Schieflagen in der politischen und gesellschaftlichen
Wirklichkeit Ägyptens. Die Niqab-Trägerinnen praktizieren nicht nur einen neuen religiösen Modetrend, sondern stellen zum
Teil ganz bewusst die etablierte Religionspraxis in Frage. Die
se
Infragestellung des Al-Azhar-Islams zielt zugleich
auf den Staat. Indem sich immer mehr ägyptische Frauen (gewollt oder ungewollt)
den Bekleidungsvorstellungen einer transnationalen islamischen Orthodoxie unterordnen,
übermitteln sie eine klare Botschaft: Wir lehnen nicht nur das Islamverständnis
der Al-Azhar und ihrer Repräsentanten ab, sondern
auch den Staat und die Gesellschaft, die dieses Verständnis stützen und
aufrechterhalten. Dementsprechend heftig fällt die Gegenwehr gegen den Niqab von Seiten der Reichen und Mächtigen aus. Für sie
geht es nicht um ein Stück Stoff, sondern um Sicherheit, Abgrenzung und
Kontrolle.
Die
Schwere der verbalen Geschütze im ägyptischen Niqab-Streit
lassen daher manchen europäischen Beobachter verwundern. Dies liegt vor allem
an der ungleich stärkeren Betroffenheit vom Trend zum Niqab
in Ägypten. Es liegt aber auch an der hier fehlenden Überlagerung dieses
Streits durch eine Einwanderungs- und Islam-Diskussion. Die Kontrahenten sind
auf beiden Seiten Ägypter und Muslime. Für die Gegner der Vollverschleierung
ist es daher völlig selbstverständlich, den Niqab als
„dummen Unfug“ und seine Trägerinnen als „Verrückte“ zu bezeichnen. Außerdem,
und diese Position teilen auch viele streng religiöse Ägypter, sei die Vollverschleierung
ein gänzlich „unägyptischer“ Import aus dem Ausland, der die gesellschaftliche
und religiöse Integrität des Landes unterwandere. Die ägyptische Niqab-Debatte lässt sich also nur sehr eingeschränkt mit
der europäischen „Burka-Debatte“ vergleichen. Zu
unterschiedlich sind das Ausmaß der Betroffenheit sowie der politische,
religiöse und gesellschaftliche Kontext. Eine Erkenntnis der ägyptischen Debatte
ist aber auch für Europa aufschlussreich. Hier in Ägypten ist klar, dass nicht
jeder Niqab aus religiösen Gründen getragen wird und
dass nicht jeder Gegner des Niqabs ein Gegner des
Islam ist.
Dr. Andreas Jacobs ist Leiter des Büros der
Konrad-Adenauer-Stiftung in Ägypten. Weitere Infos unter www.kas.de/aegypten
Photos:
Bernd Sandmann
http://lexicorient.com/e.o/slides/niqab03.jpg