Wolfgang Freund

 

Die  Sache  mit  dem  Tarbousch:  „King  Faruk !“

 

 

Mohammed N. mag so um die sechzig sein. Er spricht ein eher korrektes Englisch und könnte in jeder europäischen multikulti-Gesellschaft vorkommen, ja darin spurlos aufgehen; denn er trägt westliche Kleidung, und sein „ethnisches Profil“ entspricht jenem von Monsieur Tout-le-monde zwischen Wien, Frankfurt, Brüssel, Paris oder London. Zwar ist Mohammed N. Ägypter, doch offensichtlich türkischer Abstammung wie nicht wenige seiner Landsleute, die in den Basarvierteln der  Monsterstadt Kairo seit Jahrhunderten ein traditionelles Handwerk (noch) betreiben. Mohammed N., „nebenberuflich“ Wirtschaftsberater in einem ägyptischen Industrieunternehmen, ist in Kairo heute der letzte Hersteller von handwerklich gefertigten Fezen, jener roten, konisch-runden Kopfbedeckung, welche im deutschen Sprachraum aus unerklärlichen Gründen den Namen „Türkenfez“ trägt, offensichtlich auf die marokkanische Stadt Fez abhebend, was im Grunde  wenig Sinn macht. Denn der Fez ist keine marokkanische Kopfverlängerung, vielmehr eine türkische, und kommt nur in solchen arabischen Ländern vor, die vor 1918 einmal Teil des Osmanischen Reiches gewesen waren. Für Marokko Fehlanzeige. Das Osmanische Reich hatte Algeriens Westgrenze nie überschritten. 

 

Kein Ägypter kann mit dem Wort „Fez“ etwas beginnen; der „Türkenhut“ heißt in Kairo „Tarbusch“, was wiederum meine Begleiterin, die einen marokkanischen Kulturhintergrund besitzt, zu mehreren Lachsalven inspiriert. Denn in Marokko hat das Wort „Tarbusch“ eine völlig andere Bedeutung. Dort meint der Begriff jenes runde Gummiding, das, auf einen Holzstil gepfropft, der Wiederflottmachung von verstopften Klosettschüsseln dient.

 

Sei’s drum: der „Tarbusch“ war bis 1952 in gutgutbürgerlichen Kreisen die männliche Kopfbedeckung Ägyptens par excellence gewesen. Sogar König Faruk hatte ihn getragen. In Verruf geriet er nach der „Revolution“ von Gamal Abdel Nasser, wie dreißig Jahre zuvor bereits in der Türkei, als Kemal Atatürk das Tarbusch -Tragen, Symbol für „reaktionäre“ Gesinnung, ganz einfach verboten hatte. Wer damals, zwischen Istanbul, Izmir und Ankara in den zwanziger Jahren nicht bereit war, den Tarbusch durch den europäischen Hut oder die sozialistisch angehauchte Schildmütze zu ersetzen, landete schlicht im Kittchen, in Einzelfällen sogar am Galgen. Die neuen nationalistisch-republikanischen Türken, darum bemüht, alle Spuren und Symbole der osmanischen Vergangenheit auszurotten, machten wenig Federlesen. Nicht ganz so hart hatten die nasseristischen Ägypter durchgegriffen. Niemand kam in Kairo oder Alexandrien fürs Tarbusch -Tragen hinter Schloss und Riegel; aber der Tarbusch wurde sozial geächtet. Er stand nach 1952 ganz einfach für reaktionäre Gesinnung, und eine solche wollte sich am Nil, nach der unrühmlichen Absetzung und Verbannung von König Faruk, ganz einfach niemand nachsagen lassen. Zwar trugen ihn die dem Königshaus nahe gestanden habenden, ein gutturales, das „R“ rollendes Französisch parlierenden Großgrundbesitzer („Paschas“) noch eine Weile, sobald dieselben sich nach langsamer aber sicherer Verspielung ihres Restvermögens auf den Pferderennen der Gezira-Insel im Kairoer Nobelklub „Mohammed Ali“ zu Whisky und Five o’clock tea getroffen hatten. Aber der Tarbusch war jetzt out. Auch Künstler und Schriftsteller, die ihn ebenfalls gerne getragen hatten, griffen zur als „fortschrittlich“ eingestuften Baskenmütze. Der Tarbusch „degenerierte“ unwiderruflich zum Folkloreartikel und fand sich in das Kairoer Basarviertel Khan El-Khalili oder in Tourismusboutiquen von Fünf-Sterne-Hotels abgedrängt, wo er sich zwischen Alabastersphinxen und sonstiger „orientalistischer“ Airport Art  noch ein paar Jahre hatte halten können. Auch das ist heute vorbei.

 

Denn parallel zur gesellschaftlichen Ächtung des Tarbuschs verfiel das handwerkliche Wissen um dessen Fertigung.  Eine jahrhundertealte Tradition geht zu Ende; die Herstellungstechniken, welche sich durch Generationen vererbt hatten, geraten in nicht mehr rückholbares Vergessen, wie so vieles auf der traditionellen Handwerkspalette. Heute ist Mohammed N. der letzte Vertreter der „Tarbuschi“-Zunft von Kairo.  Er weiß, das Schicksal des Tarbuschs ist besiegelt.

 

Das Tarbusch - Atelier von Mohammed N. liegt neben dem zum Touristenzirkus verkommenen Basars Khan El-Khalili, in der Ghuriya, einem der ältesten Handwerks- und Kommerzviertel des weit ins Mittelalter hineintauchenden islamischen Kairos. Er spricht vom Ende seiner Tarbuschi - Zunft, auch mit Bezug auf die eigene Familie.  Die Söhne Mohammed N.’s wollen das Unternehmen nicht mehr fortführen. Am Tag, da Mohammed N. beschließen wird, seinen Laden dicht zu machen, wird es in Kairo keine neuen, von Hand gefertigten Tarbuschs mehr geben. 

 

Wir kaufen zwei Tarbuschs für 50 £eg. (knapp 6 Euros) pro Stück, setzen sie auf und führen unsere Wanderung durch das mittelalterliche Kairo fort. Auf dem Nachhauseweg ins Hotel werden wir zur Stadtattraktion. Zahllose Ägypter grüssen lachend und heißen uns abwechselnd „Mohammed Ali“, „Sultan Hassan“ oder „King Faruk“. Andere Ägypter … fotografieren uns.  Wir sind zur örtlichen Sehenswürdigkeit aufgestiegen.   

 

Sicher werden eines Tages die Chinesen den ägyptischen Tarbusch für ihren Weltmarkt entdecken.  Dann wird der ägyptische Tarbusch, made in China, seinen Siegeszug um den Erdball doch noch antreten können.

 

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