Innovation und Entrepreneurship - Wege in die Zukunft
von Dr. Giselher Dombach
( Dr. Giselher Dombach ist seit November 2003 Dozent für Innovations-
und Technologiemanagement an der GUC. Er gründete zwei Firmen im Bereich
"Competitive Intelligence" und Biotechnologie und lebt mit seiner
Familie in Braunschweig und Kairo.)
"Ägyptens Wirtschaft befindet sich immer noch nicht auf dem Weg der Besserung." So oder ähnlich konnte der Autor Kenner der ägyptischen Wirtschaft aus dem Kreis der deutschen Firmen in Kairo in den Monaten seines Aufenthaltes in Kairo vernehmen. Seit ich im November 2003 nach Kairo kam, um eine Stelle als Dozent und "Associate Professor" für Technologie- und Innovationsmanagement an der "German University in Cairo" zu übernehmen, habe ich (noch) nichts Ermunterndes über die Status der ägyptischen Wirtschaft gehört oder gelesen. Aufmunternde Kommentare von Teilnehmern der Morgenrunde der DAIHK, die die Talsohle für erreicht halten, scheinen manchmal dem Pfeifen im dunklen Wald zu ähneln.
In der Tat weist das Bruttoinlandsprodukt ein reales Wachstum im vergangenen Jahr von 3,5 Prozent auf und auch die monetären Indikatoren zeigen eine Verbesserung der Situation an - hier haben wohl die Maßnahmen der Regierung zur geregelten Freigabe des ägyptischen Pfundes gegriffen - aber wie sieht es im realen Bereich der Wirtschaft, also in der Produktion und dem Transfer von Waren aus? Weniger rosig, denn die weitere Drosselung der Importe macht den Unternehmen erheblich zu schaffen.
Hinzu kommen Rückstände im Bereich Bildung, der schleppende Abbau der steigenden Arbeitslosigkeit, die mangelnde Bekämpfung der Armut sowie die zögerliche Behebung des Reformstaus und der lähmenden Bürokratie.
Wachstumsbranchen sind vorhanden
Ägypten verfügt über Wachstumsbranchen. Dazu zählt der Tourismus, der trotz befürchteter Unsicherheiten in dieser Region wieder boomt, aber auch die Öl- und Erdgasindustrie und die damit verbundene Petrochemie. Auch dem informationstechnologischen Bereich und der Telekommunikationsbranche werden Wachstumspotenziale zugesprochen wie auch dem Umweltschutz. Aber reicht das Vertrauen auf die - hoffentlich - wachstumsstimulierenden Hoffnungsträgerindustrien aus oder muss Ägypten noch mehr tun? Ägypten setzt auf endliche Ressourcen mit seinem Ausbau der Öl- und Gasindustrie. Sicher, hier liegt Potenzial für weiteres Wachstum, aber was geschieht, wenn diese Vorräte zur Neige gehen oder wirtschaftliche Rahmenrichtlinien eine weitere Ausbeutung weniger lohnend machen? Natürlich lässt das auch die damit verbundene Petrochemie nicht unbelastet. Und auch der Tourismus zeigt volatiles Verhalten; Krisen im Nahen Osten, die ja bedauerlicherweise nicht selten sind, können diesen Hoffnungsträger leicht abwürgen. Also, was kann Ägypten tun, um sich auf mehr stützen zu können als auf begrenzte natürliche Ressourcen und das Interesse von Touristen an kristallklarem Wasser und grandiosen kulturellen Vermächtnissen?
Innovationen und Entrepreneurship als nachhaltige Erfolgsbasis
Die Hoffnung liegt immer - wie ja auch in Deutschland - im Bereich der klein- und mittelständischen Industrie, die auch in Ägypten den Löwenanteil der Arbeitsplätze schafft, auch wenn die Steuereinnahmen aufgrund der großen Zahl von nicht registrierten Kleinst- und Kleinbetrieben erheblich geringer ausfallen, als es theoretisch möglich wäre. Nur, kann das allein die Zukunft Ägyptens sichern?
Ägypten braucht Entrepreneure! Das scheint auch nach Ägypten durchgedrungen zu sein. Doch wie sieht dieses Wesen aus, von dem man sich die Zukunft verspricht? Nach einem der führenden Management-Gurus, Peter Drucker, fürchten Entrepreneure die Veränderung nicht. Ja, sie begrüßen sie sogar, weil sich Geschäftsmöglichkeiten in Zeiten des Wandels überreich anbieten. Und Ägypten - wie auch Deutschland - erlebt bei aller wirtschaftlichen Stagnation Zeiten großer Veränderung. Dabei beziehen sich die Veränderungen nicht nur auf die allbekannten neuen Technologien in Bereichen der Biotechnologie, Nanotechnologie, IT und anderen Zukunftsfeldern, sondern auch auf Gebiete wie zum Beispiel die demographischen Veränderungen der Bevölkerung, die Veränderungen der Sicherheitslage oder die entsprechenden Veränderungen bei den Nachbarn, wenn man sich nur beispielsweise der jüngsten politischen Veränderungen in Libyen erinnert, die ein jungfräuliches Land für Entrepreneure erschlossen haben. All diese Bereiche bieten Möglichkeiten für Innovationen - und Innovationen scheiden Entrepreneure von den üblichen Gründern kleinerer Betriebe. Während Entrepreneure Opportunitäten erschließen, um neue wachstumsorientierte Geschäfte zu gründen, sind die überwiegende Anzahl der Gründer kleiner und Kleinstbetriebe nur an der Erschließung einer Geldquelle zum täglichen Überleben interessiert. Entrepreneure, im Drucker'schen Sinne sind jedoch wachstumsorientiert und schaffen damit Arbeitsplätze - und das nicht nur für die nach Regierungsangaben rund 30% arbeitslosen Akademiker in Ägypten, die jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen, deren wahre Zahl wohl deutlich höher liegt.
Die auffälligsten, wenn auch keinesfalls immer erfolgreichsten Innovationen befinden sich im Technologiebereich. Und hier scheint Ägypten leider nur ausgetretenen Pfaden zu folgen. Sicherlich ist die IT-Branche eine der Wachstumsbranchen in Ägypten, aber darauf die meisten Anstrengungen zu verwenden, erscheint zu kurz gegriffen. Sicherlich hat Ägypten mit dem Smart Village einen Kristallisationskern für IT-Firmen geschaffen. Aber sollte das jetzt alles sein? Ägypten scheint anderen Ländern wie Indien nacheifern zu wollen, um einen erheblichen Anteil am IT-Kuchen zu erhalten. Aber um eine führende Position auf diesem Gebiet zu erzielen, sind die Anstrengungen zu halbherzig und kommen auch zu spät. Das Smart Village ist in der Tat sehr beeindruckend, aber es fehlt der Unterbau. Während andere arabische Länder den Nachwuchs im IT-Bereich schon in der Schule heranziehen und z.B. die Beherrschung einer objektorientierten Programmiersprache für die Hochschulreife zur Pflicht machen, vertraut Ägypten auf das Potenzial seiner Hochschulen, die im internationalen Vergleich nicht zu den Spitzenhochschulen zählen. Aber gibt es nicht noch andere Felder, die für Ägypten vielleicht besser geeignet wären und die Möglichkeiten für internationale Spitzenleistungen und damit für einen selbsttragenden wirtschaftlichen Aufschwung bieten?
Die Suche nach den Kernkompetenzen
Um diese Frage zu beantworten, wäre es notwendig, einen nationalen Innovationsatlas zu erstellen, der für Länder der westlichen Welt schon länger vorliegt. Wo sind die technologischen Potenziale in Ägypten? Auf welchen Gebieten ist Ägypten international führend? Und auf welchem Gebiet könnte Ägypten bei entsprechender Förderung technologische Spitzenleistungen erzielen? Kurz, wo liegen Ägyptens Kernkompetenzen mit innovativem Potenzial?
Sobald diese gefunden oder auch deren Lücken entdeckt sind, sollte hier eine gezielte Förderung mit nationalen und internationalen Mitteln erfolgen. Das wäre meines Erachtens weitaus zukunftsreicher als breite, undifferenzierte Förderung von SME (small or medium- sized enterprise), unabhängig von ihrem innovativen Potenzial, die offenbar die Lieblinge internationaler Förderprogramme für Länder mit dem Entwicklungsstand Ägyptens sind.
Doch Kernkompetenzen müssen erst gebildet werden; sie fallen nicht vom Himmel. Und dazu gehört auch eine entsprechende Ausbildung in Schule und Hochschule. Da scheint Ägypten jedoch noch deutlichen Nachholbedarf aufzuweisen. Die Befähigung zur eigenständigen Arbeit und der Wissenstand von jungen Studierenden scheint nach meiner eigenen Erfahrung, die auch von Kollegen anderer Fachbereiche geteilt wird, mit der deutschen Hochschulreife nicht vergleichbar zu sein. Es ist signifikant, dass die Absolventen der DEO und der DSB an unserer Hochschule deutlich besser auf das Studium und die eigenständige Arbeit vorbereitet sind als ihre Kommilitonen mit ägyptischem Schulabschluss, was sich natürlich auch auf die Durchfallquote auswirkt. Absolventen mit ägyptischer Hochschulreife haben häufig Schwierigkeiten, dem Stoff, der sich ursprünglich an deutschen Anforderungen orientierte, zu folgen, so dass die Qualität der Ausbildung dann häufig auf dieses niedrige Niveau gedrückt werden muss und eine differenzierte Prüfungsordnung auch dem weniger Geeigneten noch den Sprung über die Prüfungshürde erlaubt. Es ist deshalb kein Wunder, dass ägyptische Hochschulen, zumindest nach meinem Kenntnisstand, im internationalen Bereich nicht in der Spitzengruppe zu finden sind. Bedauerlicherweise kann ich davon auch nicht die GUC, die "German University in Cairo", ausnehmen, die - das sei vorweggenommen - im Gegensatz zu ihrem Namen eine rein ägyptische Universität ohne deutsche finanzielle Beteiligung ist und die ursprünglich das hehre Ziel proklamierte, eine internationale Spitzenuniversität zu sein, jedoch den notwendigen Tribut an das ägyptische Leistungssystem zahlen musste und auf den Boden der "qualitativen Tatsachen" gezogen wurde. Es ist sicherlich noch zu früh, die Zukunft dieser ägyptischen privaten Bildungsanstalt zu prognostizieren, sollte sich jedoch die bisherige Entwicklung so weiter fortsetzen, so ist nicht auszuschließen, dass auch die GUC lediglich im Strom der übrigen ägyptischen Universitäten mitschwimmt.
Sollten die Kernkompetenzen fehlen oder nur in schwacher Ausprägung vorhanden sein, so gilt es, diese mit eigenen Mitteln und Mitteln der internationalen Gemeinschaft zu fördern. Und das bezieht sich nicht nur auf technologische Kernkompetenzen. Ägypten ist - zumindest im Gegensatz zu Deutschland - ein auf Service ausgerichtetes Land. Nicht umsonst stellt der Tourismus einen erheblichen Wirtschaftsfaktor dar. Und so sollten eben auch Serviceinnovationen gefördert werden. Service im Umweltschutz, in der gesundheitlichen Versorgung - überall sind Umbrüche und Krisen zu bemerken, die auch für neue Dienstleistungsstrukturen Chancen bieten.
Aussichtsreiche Felder für Entrepreneure
Nach der systematischen Erfassung und Entwicklung der Kernkompetenzen mit innovativem Potenzial gilt es, die Anwendungsgebiete zu erfassen. Und da gibt es neben dem IT-Bereich sicherlich noch viel andere. Nach der Theorie der "langen Wellen" von Nicolai Kondratieff lösen Basisinnovationen 50-60 Jahre andauernde Konjunkturzyklen aus, die nicht nur zu wirtschaftlichen Veränderungen führen, sondern auch signifikante Auswirkungen auf die übrigen Lebensbereiche haben. Während der Konjunkturzyklus, in dem wir uns zurzeit befinden, unter dem Thema der Globalen Kommunikation steht, bahnt sich der Beginn des nächsten Zyklus' bereits an. Diese "6. Welle" könnte ganzheitliche Gesundheit zum Thema haben, unter der man eben nicht nur die unmittelbare Beseitigung von Krankheiten versteht, sondern die auch Themen wie Ökologie und Umweltschutz, sanfte Energien und andere Gebiete umfasst, die diesem holistischen Anspruch genügen. Und hier könnte es auch für Ägypten innovative Möglichkeiten zur Geschäftsgründung geben. So hat Ägypten das Thema der umweltschonenden alternativen Energiequellen auch für sich entdeckt, wie der 80 km2 große Al Zaafarana-Windpark an der Küste des Roten Meeres zeigt. Zurzeit decken diese Energiequellen jedoch nur einen sehr geringen Anteil am Energieaufkommen. Hier gibt es durchaus noch weitere Innovationsmöglichkeiten für Entrepreneure. Auch die Photovoltaik könnte für Ägypten interessant sein, denn Sonne und Platz hat dieses Land ja im Überfluss. Und so könnten auch Aufwindkraftwerke, die den Schornsteineffekt der aufsteigenden Luft über heiße Flächen zur Energiegewinnung nutzen, ein weiteres Betätigungsfeld innovativer Unternehmer sein, denn Aufwindanlagen im Landesinneren könnten durchaus Alternativen zu den Plänen der Errichtung von Großanlagen von Windrädern sein, die sicherlich nicht unbedingt zur Verschönerung von Ägyptens Küsten beitragen.
Andere Themen in diesem Kontext könnten Serviceinnovationen im Touristikbereich
sein, die die Themen Gesundheit, Wellness und kulturelle Weiterbildung bündeln
und damit ein neues Geschäftsfeld neben dem Massentourismus schaffen. Auch
der Bereich der "organischen Landwirtschaft", die Ägypten Pionieren
wie dem Begründer der SEKEM-Farm, Ibrahim Abouleish, verdankt, kann weitere
Geschäftsmöglichkeiten für innovative Unternehmer bieten. SEKEM
ist schon heute eine Erfolgsgeschichte, die ökologische Landwirtschaft,
soziale Verantwortung und Profitabilität gleichberechtigt nebeneinander
stellt, weshalb der Gründer zu Recht mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet
wurde. Hier gibt es noch ein großes Potenzial für innovative Unternehmer.
Nicht zuletzt könnte auch die Nutzung der Küsten für neue Formen
des Aquafarming und auch für ausgewählte Bereiche der marinen Biotechnologie
neue Arbeitsplätze auf der Basis von Produkt- und Prozessinnovationen schaffen.
Hier bestehen noch große unausgeschöpfte Innovationspotenziale, die
Ägypten noch erschließen könnte.
Weitere Möglichkeiten für innovative Entrepreneure der unterschiedlichen Art könnten bei einer systematischen Suchfeldanalyse sicherlich noch entdeckt werden.
Ein Unternehmerklima schaffen
Ägypten braucht Unternehmer im Drucker'schen Sinne! Und eben nicht nur die kleinen und Kleinstunternehmer, die zwar das Nötigste zum Lebenserhalt für sich und ihre Familie aus der wirtschaftlichen Not heraus dem Kunden abringen, sondern die wachstumsorientierten Entrepreneure, die auf der Basis von Innovationen Arbeitsplätze schaffen und so zur sozialen Gesundung Ägyptens beitragen. Dazu gehört ein entsprechendes innovations- und gründungsfreundliches wirtschaftliches und gesellschaftliches Klima, das die Anstrengungen der Entrepeneure honoriert, zumindest jedoch nicht blockiert. Dazu gehört jedoch auch eine Administration, die Unternehmertum fördert und nicht, wie zurzeit durch überbordende Bürokratie entmutigt oder in die Schattenwirtschaft abdrängt. Und dazu gehören auch Beispiele, Vorbilder und Gewinner, die zum Nacheifern anregen, die Ägypten durchaus in den unterschiedlichsten Bereichen aufzuweisen hat. Wie zum Beispiel Othman Ahmed Othman, der Gründer der Arab Contractors, der so kühne Unternehmungen wie den Assuan-Staudamm oder den Bau des Ahmed Hamdi-Tunnels gewagt und ein Unternehmen geschaffen hat, das weit über Ägyptens Grenzen hinaus bekannt ist. Hier wäre auch Naguib Sawiris zu nennen, der erkannt hat, dass Ägypten eine Betreibergesellschaft für Mobiltelefonnetze benötigt und mit MobilNil als erster diesen Markt erschlossen hat. Auch Ibrahim Abouleish sei nochmals erwähnt, für den soziale Verantwortung und Profit keine sich einander ausschließenden Begriffe sind, sondern der mit der Begründung der SEKEM-Farm gezeigt hat, dass der ökologische Anbau in Ägypten eine große Zukunft hat, die nicht nur den Kunden der Qualitätsprodukte, sondern auch den Arbeitern und ihren Familien direkt dient.
Ägypten verfügt über Chancen für wegweisende Innovationen und auch über mögliche Entrepreneure und das Potenzial, diese Chancen in gewinn- und wachstumsträchtige Unternehmen umzusetzen. Nun gilt es, dieses Potenzial weiter zu entwickeln und dafür kann in der Schule und im akademischen Bereich der Grundstein gelegt werden. Hier gibt es nicht nur für den ägyptischen Staat, sondern eben auch für findige Unternehmer noch ein großes Betätigungsfeld.