Neue Kinderbücher aus Ägypten

von Michaela Grom

Walid Taher: Mein neuer Freund, der Mond:

Ein kleiner Junge fährt nach einem Besuch bei seinem Großvater mit dem Fahrrad nach Hause. Es ist Abend geworden, der Mond scheint und plötzlich bemerkt der Junge - Karim heißt er -, dass dieser Mond nicht immer an der gleichen Stelle steht: Mal ist er vor dem kleinen Radfahrer, mal hinter ihm. Karim versteht sofort: Der Mond will spielen! So macht die Heimfahrt ja erst richtig Spaß. Und auch wenn zuhause die Eltern ihrem Sohn ganz naturwissenschaftlich-korrekt zu erklären versuchen, dass der leuchtende Himmelskörper von überall auf der Erde gesehen werden kann, weil er so weit weg ist - für Karim ist er ganz nah ...Dies ist sein neuer Freund, der ihn mag und den er mag. Glücklich legt der Junge sich schlafen ... nicht ohne sich noch von seinem neuen Freund zu verabschieden.

Mit leichten, luftigen Illustrationen, sparsam in Strich und Farbe, hat Walid Taher seine Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft in Szene gesetzt. Mit dem leuchtenden runden Mond am Himmel korrespondiert das runde Köpfchen des Jungen auf fast rührende Weise. Durch sein Gefühl, sein vollkommenes Vertrauen "belebt" das Kind seine Umgebung, die plötzlich mehr ist als eine Ansammlung von Dingen. Da ist etwas, das antwortet. Und wenn der kleine Junge denkt "Ich spüre doch, dass der Mond ganz nah ist", dann hat der Himmels-Körper eine neue Qualität bekommen: Die Liebe, die der Junge aussendet, wird beantwortet. Und sieht es nicht im allerletzten Bild tatsächlich so aus, als würde der Mond lächeln?

Walid Taher hat hier behutsam etwas eingefangen, an das sich so mancher aus der eigenen Kindheit erinnern mag: Die Zwiesprache mit den für die Erwachsenen unbeseelten Dingen, eine Zwiesprache, die für Kinder selbstverständlich ist und ihnen oft ein erstaunliches Gefühl von Geborgenheit in ungewohnter Umgebung vermittelt. "Es geht mir bei meinen Geschichten nicht nur um das Kind, es geht mir um den Menschen, der dieses Kind einmal sein wird", hat Walid Taher in einem Interview gesagt. - Wohl dem Erwachsenen, der sich dieses Grundvertrauen bewahren konnte…

"Mein neuer Freund, der Mond" ist eine wunderschöne Geschichte für Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren, in der vorliegenden Ausgabe der Edition Orient in arabischer und deutscher Sprache gleichermaßen. Für die Originalausgabe hat Walid Taher 2001 den zweiten Preis beim ägyptischen Kinderbuchwettbewerb erhalten. Sehr zu Recht.

Walid Taher - Mein neuer Freund, der MondAus d. Arab. Von Petra DüngesEdition Orient 2004

Tarik A. Bary: Der König der Dinge

Auch in dieser Geschichte geht es - erstaunlich genug - um die Zwiesprache mit dem scheinbar Unbelebten, den "Dingen".

Erzählt wird von dem Jungen Karim Maher, der in ein Internat kommt. Er findet gleich zwei gute Freunde, Halim und Nabil, aber er macht auch schnell unerfreuliche Bekanntschaft mit den gefürchteten Schulrowdys. Schon deren Spitznamen lassen nichts Gutes ahnen: Hamid die Burg, Dija die Hyäne, Hussam der Haifisch werden sie genannt. Gemeinsam ärgern und quälen die drei ihre Mitschüler, demolieren wahllos das Mobiliar der Schule, schwänzen den Unterricht. Beschwerden fruchten nichts, denn die Väter der drei Jungs haben Geld und Einfluss und beschützen ihre Sprösslinge wahlweise mit Geldspenden für die Schule oder Drohungen an den Direktor.

Nun hat Karim aber eine ungewöhnliche Gabe: Er kann mit den Dingen sprechen! Und so wenden sich die Stühle, Tische, Tafeln und Türen der Schule hilfesuchend an den Jungen, als sie gar zu arg unter der groben Behandlung leiden. Karim soll der Schule und den Schülern die "Forderungen der Dinge" überbringen, sonst - so drohen diese - werden sie für immer ihren Dienst quittieren.

Karim und seine Freunde geraten zwischen alle Fronten: Der Direktor glaubt ihnen, kann sich aber nicht durchsetzen; der stellvertretende Direktor macht gemeinsame Sache mit Hussams Vater, da er sich davon einen beruflichen Aufstieg verspricht - und dann ist da noch Susa, der Intrigant, der sich als guter Freund Karims ausgibt, in Wirklichkeit aber nur nach Macht und Anerkennung strebt.

Wie Karim und seine Freunde sich gegen Machtgier, Gewalttätigkeit und Verrat dann doch durchsetzen können, erzählt Tarik A. Bary in einer Abfolge teils fast surrealer Szenen: Da beklagen sich Tische und Bänke, dass die Schüler so grob mit ihnen umgehen und können den kleinen Quälern dann einen Streich spielen, indem sie einfach entzweigehen…

Insgesamt wirkt die Geschichte eher etwas holzschnittartig erzählt, die Figuren gewinnen nicht recht an Profil. Man merkt, dass dem Autor die Botschaft wichtig ist: Es bleibt nicht ungestraft, wenn man mit den Dingen lieblos umgeht und nicht immer kann der Stärkere allen anderen seinen Willen aufzwingen.

Eine alles in allem lesenswerte Geschichte für Kinder von acht bis zwölf, die der rührige Kinderbuchfonds Baobab hier in sein Programm aufgenommen hat - übrigens noch vor ihrer Veröffentlichung auf Arabisch.

Tarik A. Bary - Der König der DingeAus d. Arab. von Doris KiliasKinderbuchfonds Baobab / Atlantis 2004

zurück