Ibrahim
Aslan: Die Spatzen vom Nil
Ein Roman
aus Ägypten
Kairo, mitten
im turbulenten Viertel Imbaba. Hanem, die Großmutter, ist aus dem Familienhaus
verschwunden. Sie sollte nicht allein hinausgehen. Die Schwiegertochter hatte
doch extra die Sandalen versteckt, ohne die die Großmutter keinen Schritt
vor die Tür tat… Wo kann die alte Frau hingegangen sein? - Die Familie zerbricht
sich den Kopf. Wollte Hanem etwa ins Dorf zurückkehren? In das kleine Dorf,
aus dem sie stammt und in dem ihre Kinder aufgewachsen sind? - Als ältestem
der Enkel fällt es Abdallah zu, nach der Großmutter zu suchen. Notfalls muss
er dazu sogar in eben jenes Dorf zurückkehren…
Wie schon in seinem Roman „Der Ibis“
hat Ibrahim Aslan den Stadtteil Imbaba als Schauplatz seiner Geschichte gewählt.
Diesmal ist es eine regelrechte Familiensaga, die er hier schildert – allerdings
nicht chronologisch und schon gar nicht mit irgendwelchen „Helden“. Das Verschwinden
von Großmutter Hanem setzt bei Abdallah eine Kette von Erinnerungen frei.
Erinnerungen an die Kindheit im Dorf, an den Umzug in die Stadt, auch daran,
wie man die hier herrschenden Spielregeln erlernen musste. Zugleich erfährt
der Leser all die kleinen und großen Geschichten, die damit zusammenhängen.
Da ist al-Bahi Osman, Abdallahs Vater, der sich vom Ministerium bei seiner
Pensionierung übervorteilt fühlt und nichts unversucht lässt, um auf sein
erlittenes Unrecht aufmerksam zu machen. Da ist Abdelrahim, der Onkel Abdallahs,
der stets etwas Besonderes sucht in seinem Leben und für seine Ehe - allerdings
ohne sich dabei allzu sehr anstrengen zu müssen. Fast symbolhaft erscheint
da Abdelrahims Versuch, mit einer ungewöhnlich großen Angel Fische zu fangen.
Statt des erhofften, ungewöhnlich großen Fisches fängt er schließlich … einen
Spatzen!
Mit Sympathie und einem gewissen
Augenzwinkern schildert Ibrahim Aslan das Leben der einfachen Leute in Kairo.
Die großen Ereignisse der Geschichte– Nassers Revolution, dann der Anschlag
auf sein Leben – finden zwar statt, aber irgendwo im Hintergrund. Das Leben
der Familie folgt anderen Gesetzmäßigkeiten, auch wenn diese niemand so genau
zu erklären vermag. Das Dorf ist für die Älteren immer noch wichtiger Bezugspunkt
- ein Ort, der in ihrer gemeinsamen Erinnerung lebendig ist, der aber eigentlich
nur noch in Ausnahmefällen aufgesucht wird. Onkel Abdelrahim kehrt für eine
Zeit dorthin zurück, als er Schwierigkeiten bei der Arbeit hat; Abdallah muss
ins Dorf gehen, um nach der Großmutter zu suchen. Außerdem soll er sich nach
dem familieneigenen Land zu erkundigen - wohl wissend, dass sich dieses schon
längst ein Anderer angeeignet hat. Der Weg zurück ist versperrt; die Generation
der vom Land Zugezogenen ist entwurzelt. Noch lebt das Dorf in der Erinnerung
fort – aber wie lange?
Ibrahim Aslan, der seit 1993 die
Feuilletonredaktion der in London erscheinenden Zeitung „al-Hayyat“ leitet,
ist ein genauer und humorvoller Chronist. Scharfsichtig und zugleich liebevoll
beschreibt er das Leben und Überleben der vom Land in die Hauptstadt Ausgewanderten,
ihre Versuche, sich eine Existenz aufzubauen, ihre Hoffnungen, ihre kleinen
Tricks und Schlichen, mit denen sie einer gleichgültigen Umwelt ein paar Vorteile
abzutrotzen versuchen. Unbedingt lesenwert.
mg
Ibrahim Aslan: Die
Spatzen vom Nil
Aus dem Arabischen von Doris Kilias; Lenos 2005; 18 €