Mitten
in Kairo, am Midan Attaba, im Zentrum des modernen Kairos. Durch ein Meer von Händlern und noch mehr Schuhen schlage
ich mir eine Schneise Richtung Khan El Khalil. Schnalzende Geräusche und Mister-Mister-Rufe
sollen meine Aufmerksamkeit erregen, mich zum Kaufen animieren. Doch ich bin
viel zu beschäftigt damit, nicht verloren zu gehen und meinen Weg zu finden.
Ein Weg vom Zentrum zum Herzen Kairos? Wo schlägt das Herz Arabiens, wenn
nicht in dieser pulsierenden Menge?
Vor einem
dreiviertel Jahr in einer Altbauwohnung im Herzen Berlins. Bei einer Tasse
Tee lasse ich den Schultag Revue passieren und sinniere über den bevorstehenden
Umzug nach Ägypten. Im Radio ein Interview: Nein, er könne nicht feststellen,
dass kopftuchtragende Frauen sich unterdrückt fühlen. Vielmehr böte es ihnen
auch Schutz. Außerdem sei die Frage schon tendenziös, weil sie den Islam auf
ein Stück Stoff reduziere. Das Gespräch aus dem Radio drängt sich in den Vordergrund
und gespannt höre ich weiter zu.
Michael Lüders
war Nahost-Redakteur bei der Zeit und promovierte über das ägyptische Kino.
Davor hat er in Berlin und Damaskus studiert. In seinem aktuellen Buch versucht
Lüders eine Antwort auf die Frage, warum er sich „mit arabisch-islamischen
Welt befasse, (...) sich zu einem Kulturkreis hingezogen fühle, der (...)
vor allem durch Terror und Gewalt auf sich aufmerksam mache“.
Der Tee wird
kalt, ich setze mich an den Computer und bestelle das Buch des 1959 in Bremen
geborenen Orientalisten. Obendrauf ein aktueller Reiseführer, der allgemein
als Standard-Ausrüstung empfohlen wird. Die ersten Eindrücke des Osterausflugs
nach Kairo waren noch recht frisch und ich wollte nun mehr wissen, als mir
die praktischen Hinweise der Kollegen boten.
Lüders nimmt
den Leser mit auf eine Reise von Beirut über Kairo nach Tanger und zurück
bis in den Sudan: „Kassala ist das Ende der Welt, ein böser Traum.“ Insgesamt
ist er trotzdem fasziniert von der Kultur in den arabischen Ländern und verzweifelt
angesichts der Rückständigkeit, die sich seiner Ansicht nach u.a. im katastrophalen
Zustand des Bildungswesens ausdrückt und einer mangelnden Bereitschaft zur
Eigenverantwortung.
Im Verlauf
der Lektüre wird ein differenzierter Eindruck der arabischen Welt vermittelt,
der der Spannweite der Kulturen in Europa vom Nordkap bis Gibraltar entspricht.
Lüders sucht nach Ursachen für den Stillstand, den er in der arabischen Welt
ausmacht, und zeigt Fehler der westlichen Nahost-Politik auf. So widmet er
sich in einem Kapitel der Lage im Irak nach dem Sturz Saddam Husseins.
In seiner
Analyse verzichtet Michael Lüders auf stereotype Antworten. Vielmehr arbeitet
er Ursachen für die Spannungen zwischen Orient und Okzident, den beiden fernen
Nachbarn, heraus, plädiert für Toleranz und Verständnis. Bewusst setzt sich
der Autor zwischen die angebotenen Stühle: Weder Islamophobie noch Islamophilie.
Herausgekommen ist kein reines Sachbuch, das nach wenigen Seiten ermüdet.
Gespickt mit Anekdoten über seine persönlichen Erlebnisse auf den Reisen bekommt
der Leser einen Eindruck, warum Lüders von der arabischen Welt fasziniert
ist. Mehr Karl-May-Leser als Orientalist schließt er ganz romantisch: „Manchmal
bin ich mir nicht sicher, welche Welt die bessere ist.“
Einer der wenigen Schwachpunkte.
Denn Lüders predigt nicht den Kampf der Kulturen, wie er es den selbst ernannten
Nahost-Experten vorwirft, sondern deren friedliche Koexistenz. Gut lesbar
stellt er seine Ansichten und Erlebnisse vor.
Diese „Begegnungen“ eines profilierten Kenners „mit einer zerrissenen
Kultur“ ermöglichen eine erweiterte Sicht auf das Leben in Ägypten und den
umliegenden Ländern. Die Lektüre hat für mich einen Beitrag zum Ankommen geleistet.
Es gibt nicht nur Schuhe auf dem Basar, sondern auch herzlich gerne ein Glas
Tee.
Michael
Lüders
Im
Herzen Arabiens
Stolz und Leidenschaft
- Begegnungen mit einer zerrissenen Kultur
Herder Verlag, Freiburg
2004
ISBN 3-451-28347-6, gebunden,
224 Seiten, 19,90 €
Leseprobe unter http://www.3sat.de/bookmark/sendung/66240/index.html
Heiko Bruns unterrichtet seit September 2004 Geschichte und
Chemie an der DEO in Kairo.