Gärten des Orients - ein Bildband mit paradiesischen Einblicken

von Michaela Grom

Die islamische Kultur hat eine besondere Vorliebe für den Garten. Im Koran nimmt der Topos des Gartens eine herausragende Stellung ein als Abbild und Symbol des Paradieses. Dazu kommt sicher auch die existenzielle Erfahrung von Wüste, Kargheit, Wassermangel, die die Vorstellung eines mit Wasser reich versorgten, von menschlicher Phantasie und Geschicklichkeit gestalteten Lebens-Raumes besonders reizvoll macht.
Eine der Quellen dieser Vorstellung war wohl der alte Iran, dessen "Paradiesgärten" von dem griechischen Schriftsteller Xenophon anschaulich beschrieben wurden.
Der vorliegende Bildband unternimmt einen Streifzug durch die Welt orientalischer Gartenarchitektur von Sevilla bis Agra. Er kann verstanden werden als erste Einführung in dieses Thema, wobei die erläuternden Texte in aller Kürze die wichtigsten Aspekte zusammenfassen. Die Fotos, oft ganz- oder sogar doppelseitig, sollen für sich sprechen.

Unterteilt ist der Band in vier große Abschnitte. Der erste führt nach Spanien, zeigt Gärten aus der Zeit der Maurenherrschaft. Die berühmte Alhambra in Granada wird nur erwähnt, dafür eröffnen sich dem Betrachter Gärten in den Altstadtquartieren von Sevilla und Córdoba, in denen die architektonischen und die gärtnerischen Gestaltungselemente perfekt miteinander verbunden sind. Der Schattenwurf einer erlesenen Steinmetzarbeit erinnert an Blättergerank, verschmilzt zuweilen mit den Schattenwürfen wirklicher Pflanzen.
Es folgen Beispiele des so genannten Mudéjar-Stils, in dem sich die maurische Kultur mit der christlichen mischt - und es gibt einen Exkurs zu modernen spanischen Gartenarchitekten, die sich bei ihren Entwürfen von der Tradition islamischer Gärten inspirieren lassen.

Nächste Station ist Syrien. Hier hat sich ein spezieller Haustyp entwickelt: Alle Wohnräume sind um einen Innenhof gruppiert. Dieser Hofgarten ist meist besonders schön und mit Liebe zum Detail ausgestattet, mit Blumenrabatten, Topfarrangements, einem Brunnen. Die traditionellen Hofgärten entstanden in osmanischer Zeit. Beispiele vor allem aus Damaskus, aber auch aus Hama und Aleppo zeigen, wie mit den unterschiedlichsten Mitteln regelrecht ornamentale Bilder gestaltet wurden - begehbare Bilder, Garten-Räume, in denen man herumgehen und sich entspannen kann. Die Fotos zeigen zum Teil sehr schön die fein ausgeführten Arbeiten der syrischen Steinmetze, die Türen, Fenster, Treppen und Nischen verzierten.

Charakteristisch für den islamischen Garten ist seine Abgeschlossenheit. Meist von hohen Mauern umgeben, ermöglicht er den Rückzug vom Trubel des Alltags, vom Staub der Straßen. In den großen, höfischen Gartenanlagen wurde der Garten nochmals unterteilt in einen "äußeren", repräsentativen Bereich und einen "inneren", familiären Bereich, die Domäne vollständigen Rückzugs aus dem öffentlichen Leben.
Das Grund-Form orientiert sich oft an einem Schema aus vorislamischer zeit, das wahrscheinlich im Iran entstand: Der Garten ist durch vier kreuzfömig angelegte Wege in vier Teile/Segmente gegliedert. Mystiker sehen in dieser Anordnung die Grundordnung des Kosmos: die vier Wege symbolisieren die vier Ströme des Paradieses, die Wasser, Milch, Honig und Wein führen. Sehr schön ist diese Aufteilung in manchen der marokkanischen Gärten zu sehen, die im Buch vorgestellt werden. In Marrakesch und Fés finden sich wahre Kleinode der Gartenkunst, die zum Teil auch der Öffentlichkeit zugänglich sind. Besonders eindrucksvoll sind die prächtigen Kacheln, vorherrschend in den Farben Gelb und Blau, die die Bepflanzung ergänzen und erweitern.

Abgerundet wird die Garten-Reise durch Beispiele aus Pakistan und Indien.
"Ein Garten ist das reinste menschliche Vergnügen", soll Babur, der Begründer der Moghul-Dynastie gesagt haben. Auch die Moghul-Herrscher orientierten sich an persischen Vorbildern und bevorzugten das viergeteilte Gartenschema, das die islamische Vorstellung des Paradiesgartens auf den irdischen Garten übertrug. Aber nicht nur religiöse Symbolik, sondern auch weltliche Machtdarstellung floss in die Gestaltung. Die Form des viergeteilten Gartens wurde auch bei Begräbnisstätten angewendet. Bekanntestes und prachtvollstes Beispiel eines solchen Mausoleumsgartens ist der Taj Mahal.
Aber auch andere prächtige Gärten in Agra oder in Lahore werden gezeigt. Die Bilder und Beschreibungen fachen gestandenermaßen die Reiselust an. Aber auch wer gerne einfach "nur" in Gedanken reist (die Briten nennen das schmunzelnd "armchair travelling"), dem bieten sich hier vielfältige Ziele. Wer auf der Suche nach Gestaltungsideen ist, findet reichhaltige Anregungen.
Ein wunderschönes Buch zum Schmökern und Staunen. Wer sich weiter in die Thematik vertiefen möchte, kann auf eine ausführliche Literaturliste am Ende des Buches zurückgreifen.

Buchangaben:
Christa v. Hantelmann (Hrsg.), Dieter Zoern (Fotos)
Gärten des Orients - Paradiese auf Erden
DUMONTmonte 2003, Preis: 75,- €

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