Lebendige Vergangenheit: Sayyid Qutb, Kindheit auf dem Lande, Ein ägyptischer Muslimbruder erinnert sich.
(Aus dem Arabischen übertragen von Horst Hein, Berlin: Edition Orient, 1997, 175 S.)

von Petra Birkenbach

Einer der führenden Vertreter der ägyptischen Muslimbrüder ist es, der hier von seiner Kindheit in einem kleinen mittelägyptischen Dorf in der Nähe von Assiut erzählt. Der 1906 geborene Sayyid Qutb entstammte einer nicht eben reichen, aber doch wohlhabenden und angesehenen Familie, so dass der verallgemeinernd "Junge" genannte Protagonist des autobiografischen Romans in dem Bewusstsein aufwächst, "daß er aus einem anderen Milieu stammte als die gewöhnlichen Dorfbewohner" (18). Die Erinnerungen setzen ein, als der knapp Sechsjährige vor seinem Schuleintritt steht. Die Frage, ob er die alteingesessene Koranschule oder die neue staatliche Grundschule besuchen soll, wird vom gebildeten Vater zugunsten der letzteren entschieden. Ausgestattet mit Tee und Zucker für Schulleiter und Lehrer tritt der Junge also in die Grundschule ein und kommt gleich am ersten Tag in den zweifelhaften Genuss einer Turnstunde bei einem ehemaligen Offizier, der die Schüler mit seinem Rohrstock auf Trab bringt. Der an körperliche Züchtigungen nicht gewöhnte Zögling flieht daraufhin kurz entschlossen. In der Folge bekommt er die Gelegenheit, die Koranschule näher kennen zu lernen, die er jedoch aufgrund ihrer pädagogischen und auch hygienischen Bedingungen aus vollem Herzen ablehnt und daraufhin zum Propagandisten für die Regierungsschule wird. Die besser ausgestattete Grundschule ist für ihn nun ein "heiliger Ort" (32) und sein größter Wunsch ist es, später im Grundschullehrerseminar aufgenommen zu werden. Um den Ruf der Schule zu bessern, lernt der Junge den Koran auswendig - wichtigstes Ziel der Koranschule - und erwirbt sich dadurch bereits ein gewisses Ansehen im Dorf. Seine Schulzeit rechnet der Erzähler im Rückblick "zu den schönen, glücklichen Jahren" (35).

"Ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen; er war in Kairo, hatte sein Hochschulstudium abgeschlossen und verschiedene Berufe ausgeübt, aber immer, wenn er heute ins Dorf zurückkommt, lenkt er die Schritte zur heiligen Schule. Sobald er ihre Schwelle überschreitet, überkommen ihn Ehrfurcht vor der Schulzeit und eine demütige Verehrung. Und wenn er nach seinem innigsten Wunsch gefragt würde, dann würde er antworten: Am liebsten wäre er wieder Schüler in der heiligen Schule, um sie gegen die Koranschule und ihre Schüler zu verteidigen." (36)

Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung seiner Schulausbildung auch im Hinblick auf den allerorten herrschenden Dämonenglauben. Einem jungen Schulleiter gelingt es nämlich, den Glauben des Jungen an die Ifrîte durch ein gewagtes Experiment immerhin ins Wanken zu bringen. Der Erzähler schildert die dörflichen Angstvorstellungen in lebendigen Bildern, so dass dem Leser die Wirkung dieses "ersten Angriff[s] seiner Art im Dorf" (87) klar vor Augen tritt. Und obwohl ihm die Ifrît-Geschichten mit weiter wachsender Bildung "Anlass zu Scherzen und Späßen" wurden, haben sie in Sayyid Qutbs Leben doch eine tief reichende Prägung hinterlassen: "Aber wenn du heute seine Träume und Traumgesichte befragtest, so verkündeten sie dir, daß die Ifrit-Legenden tiefer in seinem Innern leben als die Kultur [...] (94).

Auch der gesundheitliche Bereich ist durchdrungen von überlieferten Vorstellungen. So nennen die Dorfbewohner die staatlichen Impfaktionen "Verwundung" (48). Geradezu komisch ist die Schilderung der seitens des Kreisarztes geplanten Stuhluntersuchungen, um Daten über das Vorkommen von Bilharziose sowie Haken- und Fadenwürmern zu erheben. Den auf ihnen lastenden Erwartungen begegnen die verängstigten Schüler mit einer gehörigen Portion Bauernschläue und verfälschen auf ihre Weise die "vertrauenswürdigen, amtlichen Statistiken" (54). Der dörflichen Logik entsprechend ist die in der Familie des Jungen auftretende Magenverstimmung durch Neid und die vom Erzähler aufgedeckte Tetanusvergiftung des neugeborenen Kindes durch eine Dämonin verursacht. Aber auch hier gibt es Zeichen des Fortschritts: Ein ehemaliger Krankenpfleger wirkt in Konkurrenz zu den Dorfbadern als "Doktor" gegen "Aberglauben und Quacksalberei" (65). Dass auch dieser aber bestimmte Grenzen nicht überschreitet, zeigt der Erzähler durch die bis in die Erzählgegenwart hinein lebendige "Mär" (72) über den Feuertod eines dem Scheich anvertrauten wahnsinnigen Mädchens.

Allerdings leiden die Dorfbewohner nicht nur unter den willkürlichen Attacken der Dämonen, sondern in erheblichem Maße auch unter der Obrigkeit. Ein Beispiel dafür ist die Konfiszierung im Dorf vorhandener Waffen durch mit brachialer Gewalt vorgehende Soldaten. So werden Oberscheichs und Dorfälteste mit Schlägen und Peitschenhieben malträtiert, um ihnen die Namen von Waffenbesitzern zu entlocken. Wie die dabei zu Unrecht Diffamierten anschließend alle Hebel in Bewegung setzen, um die ihnen zugeschriebenen Waffen zu beschaffen, schildert der Erzähler in satirischer Form.

Selbst unter der Folter fallen allerdings nicht die Namen der zunftähnlich organisierten Diebe, Zeichen für deren bedeutsame Stellung im dörflichen Kosmos. Ob es die Kungelei mit der Diebeszunft, die Beschreibung der als Schülertoiletten benutzten Felder (45) oder der Heißhunger der Koranrezitatoren (57) ist - der Leser erfährt manche Kuriosität des Dorflebens, die der Erzähler mit liebevollem Spott kommentiert. Der an einigen Stellen direkt angesprochene Leser lernt aber auch Wissenswertes über den Alltag und z.B. die Essgewohnheiten der Dorfbewohner (137).
Eine demgegenüber äußerst karge Mahlzeit alljährlich ins Dorf kommender oberäyptischer Wanderarbeiter erfüllt den Jungen mit großer Scham. Die "schrecklichen Klassenunterschiede" (140) belasten ihn; er fühlt sich wie ein Dieb. "Diese Gedanken überfielen ihn immer wieder, wenn er ein üppiges Mahl einnahm, schmackhaftes Obst oder wohlschmeckende Süßigkeiten verzehrte oder die schönsten Wonnen des Lebens zwischen Millionen Ausgebeuteter genoß." (148)

Ebenfalls nicht unberührt bleibt der Held des Romans von der nationalen Erhebung gegen Ende des Ersten Weltkrieges. Er wird Zeuge politischer Diskussionen, denn sein Vater versammelt als Kommissionsmitglied der Nationalpartei und Abonnent einer Tageszeitung die Männer des Dorfes um sich. Kaum älter als zehn schreibt der Junge "in aufbrausender Begeisterung Reden für die Revolution" (113).

Zwei Jahre nach Beendigung der Dorfschule verlässt der Junge das Dorf, um sich in Kairo auf die Aufgabe vorzubereiten, die ihm seine Mutter aufgetragen hatte, nämlich den Wohlstand der Familie wieder herzustellen, den sein eher verschwenderischer Vater gemindert hatte. Der Verlust ehemals vorhandener Güter ist eine allgemeine Erfahrung und stellt eine Ursache des ständigen Kummers v.a. der Frauen dar.

"Der Kummer, dessen Schicksalsschläge die Seelen der Dorfbewohner überschatteten, lastete ständig auf ihnen: Das bittere Schicksal der Armut nach dem Reichtum, das schmerzhafte Schicksal der ursprünglichen, ererbten Armut und das Schicksal des Todes und das Gedenken danach. [...] Wenn sich die Männer auf dem Feld befanden, konnten sie vergessen; [...]. Die Frauen aber, die ihre Häuser kaum verließen - außer den sehr armen, die in Oberägypten manchmal auf den Feldern arbeiteten -, hatten nichts, was sie hätte ihren Kummer vergessen lassen." (155 f.)

Neben den Steuern und anderen Zahlungen sowie den zu leistenden Arbeiten bedrücken die Dorfbewohner in den Augen des Erzählers die Traditionen, besonders die zu Lasten der Frauen, die "in den Augen der Männer nicht mehr Wert als Waren besaßen" (158). Lediglich die Kinder sind Träger von uneingeschränkter Freude und Hoffnung, sind sie doch bis zum zehnten Lebensjahr von Arbeit und Mühe befreit. Doch dabei bleibt es nicht.

"Das alles ist ein Vierteljahrhundert her. Als er ins geliebte Dorf zurückkehrte, informierte er sich über alles und fragte unter anderem nach der Fröhlichkeit der Kinder. Man sagte ihm: Das alles habe aufgehört, dieses letzte Lächeln vor der drückenden Zeit sei erloschen, das Leben sei mühevoll und hart geworden und erlaube den Kindern und Jugendlichen nicht mehr zu spielen, zu lachen und fröhlich zu sein; [...]" (159).

Sayyid Qutb hat seine Kindheitserinnerungen dem bedeutenden ägyptischen Schriftsteller Taha Hussein gewidmet, der 1929 den ersten Teil seiner ebenfalls auf dem Dorf angesiedelten Autobiografie mit dem Titel "Kindheitstage" veröffentlicht hatte. Qutb hat seinem 12 Kapitel umfassenden autobiografischen Roman ein Vorwort beigegeben, in dem er sein Anliegen wie folgt erläutert: "Durch diese Aufzeichnung soll die neue Generation von den Bildern des ländlichen Volkslebens mit seinen guten und schlechten Erscheinungen erfahren. Vielleicht bekommt sie dann eine Meinung darüber, was erhalten bleiben und was aufhören sollte."

Horst Hein, der Übersetzer des 1946 im arabischen Original erschienenen Romans, würdigt in seinem Klappentext Sayyid Qutb als eine der schillerndsten und umstrittensten ägyptischen Persönlichkeiten dieses Jahrhunderts. In seinem Nachwort stellt er dessen politischen Lebensweg dar. Demnach wandte sich der zunächst als Lehrer, später als Schulinspektor tätige Autor ab 1945 intensiv nationalen und sozialen Problemen zu und nur ein Weiterbildungsstipendium für die USA rettete ihn vor der Verhaftung durch König Faruk. Der in Amerika erlittene "Kulturschock" führte ihn - so Hein - "in die Arme der Muslimbrüder" (168). Bereits 1954 für drei Monate inhaftiert, wurde Qutb nach dem fehlgeschlagenen Attentat eines Muslimbruders auf Nasser zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Allerdings konnte er während der relativ milden Gefängnisjahre seinen bedeutenden Korankommentar verfassen. "Ende 1964 wurde er freigelassen und zur wichtigsten Gestalt der noch verbliebenen Muslimbrüder" (169), berichtet Hein. Im August 1966 wurde Sayyid Outb zum Tode durch Hängen verurteilt.

Seiner Autobiografie schreibt Hein einen besonderen Stellenwert zu: "Es gibt wohl kaum ein anderes Werk der ägyptischen Literatur, das so detailliert und heiter den Alltag in einem ägyptischen Dorf in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts beschreibt." Tatsächlich lesen sich die nicht chronologisch geordneten Erinnerungen leicht. Sie eröffnen dem interessierten Leser die Möglichkeit, gedanklichen Zugang zu den Bewohnern eines namentlich nicht genannten Dorfes zu finden und die "einfache dörfliche Vorstellungskraft" (76) kennen zu lernen. Zwar handelt es sich um eine längst vergangene bäuerliche Lebenswelt, aber einiges ist vielleicht noch ebenso lebendig, wie manche Kindheitserlebnisse es für den Erzähler sind. Etliche Ereignisse reichen mit ihren Folgen in die Erzählergegenwart hinein und werden dementsprechend im Präsens geschildert. Nach und nach schieben sich die Figur des Jungen und des Er-Erzählers übereinander, so dass es an einer Stelle sogar heißt: " [...] soweit sich der Junge erinnert" (122).

Mit "Kindheit auf dem Lande" liegt ein interessantes Buch aus der liberalen Entwicklungsphase Sayyid Qutbs vor, das neben den humorvollen Schilderungen des ländlichen Lebens auch dessen soziale Probleme anspricht.

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