Schwerelosigkeit mit Schwierigkeiten - Eric-Emmanuel Schmitt: "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran"

von Michaela Grom

Ein schmales Bändchen von gerade einmal 100 Seiten hat in den letzten Wochen im deutschsprachigen Raum viel von sich reden gemacht: "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran", eine Erzählung des französischen Erfolgsautors Eric-Emmanuel Schmitt. Der 42-Jährige dürfte zunächst einmal den Theaterkennern bekannt sein. Vor allem sein Stück "Le Visiteur"/"The Visitor" hat ihn international zu einem der meistgespielten zeitgenössischen Bühnenautoren gemacht. In Frankreich hat Eric-Emmanuel Schmitt bereits vier Romane veröffentlicht; mit "Monsieur Ibrahim" wurde nun zum ersten Mal ein Prosatext von ihm ins Deutsche übertragen.

Die Geschichte um den titelgebenden Monsieur, einen älteren Herrn, der in der Pariser Rue Bleue einen Gemischtwarenladen betreibt, und den zwölfjährigen Jungen Moses, auch Momo genannt, kommt ganz federleicht daher als die Geschichte einer langsamen Annäherung. Moses ist zunächst nur Kunde in Monsieur Ibrahims Geschäft - ein räuberischer Kunde, der beim Einkaufen immer noch eine Konservendose "extra" mitgehen lässt, weil das vom Vater gewährte Haushaltsgeld so knapp bemessen ist. Dieser Vater, ein erfolgloser Anwalt, lebt freudlos, wie eingekapselt in seiner grauen Welt der Kladden und Gesetzestexte. Das Verhältnis zu Momo ist mehr als kühl: kein aufmunterndes Wort für den Jungen, kein Lächeln, an Geld nur das Allernötigste. So ein Vater könnte seinen Sohn vernichten ... wenn da nicht Monsieur Ibrahim wäre, der geduldig und einfühlsam dem Jungen das Lächeln erschließt, der ihm kleine Tricks und Schliche zeigt, wie man den väterlichen Geiz umgehen kann, der schließlich zur einzig verlässlichen Konstante in Momos Leben wird. Als der Vater nämlich überraschend und endgültig die Stadt verlässt, vor seinem Leben und seiner Verantwortung flieht, ist es Monsieur Ibrahim, der sich um den Jungen kümmert, der ihn später sogar an Sohnes statt annehmen wird.
Bei einer gemeinsamen Reise in die Türkei vollendet sich ein Schicksal, ein anderes nimmt eine neue Wendung.

"Monsieur Ibrahim" ist eine Geschichte, die den Leser verlockt, sich von den Zwängen der Schwerkraft zu befreien und in einen Zustand des Schwebens zu gelangen - ein Versuch, der allerdings nicht immer gelingt. Eric-Emmanuel Schmitt beherrscht die Kunst, auf kleinem Raum eine glaubhafte Welt zu entwerfen, eine Welt ohne die Erdenschwere globaler Konflikte, eine Welt, wie sie vielleicht in manchen Vierteln und Gassen von Paris oder Kairo oder Palermo oder Istanbul durchscheinen mag. Hier steht die Beziehung zum Mitmenschen im Vordergrund, Herkommen und Glaube gehören fraglos und unverbrüchlich zu jedem Einzelnen, ohne dabei aber die zwischenmenschliche Verbindung zu beeinträchtigen. Es war wohl diese Welt, in der Beziehungslosigkeit durch Geborgenheit aufgehoben, Einsamkeit durch bedingungslose Liebe aufgelöst wird, die die Rezensenten so entzückt hat.

Und vielleicht hätte E.-E. Schmitt seine Geschichte in diesem Umraum belassen sollen. Dass die beiden Protagonisten dann mit dem neu gekauften Auto von Paris nach Istanbul reisen, liebenswerterweise ohne Führerschein, dass sie unterwegs Kirchen und Moscheen besuchen, das schicksalhafte Ende ... Der Autor hat hier so viel hineingepackt, dass die kleine Form zu explodieren droht. Der leichte Strich, mit dem alles gezeichnet ist, wirkt am Ende etwas zu leicht, zu dünn, zu blass. Was die Erzählung aber letztlich vor dem Abgleiten ins Süßliche rettet, ist der heitere, manchmal lakonische Grundton, den die Übersetzung von Anette und Paul Bäcker gut wiedergibt. Was gefällt, ist die Gelassenheit des Erzählens, mit der wundersame und wunderliche Dinge wie selbstverständlich präsentiert werden.

Angaben zum Buch:
Eric - Emmanuel Schmitt: Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran,
Ammann-Verlag 2002, 12,- Euro

Wer mehr über den Autor erfahren will, dem sei ein Blick auf dessen Website empfohlen: www.eric-emmanuel-schmitt.com

zurück