Im freien Fluss: Pfund verliert nach Freigabe des Wechselkurses stetig an Wert

von Bettina Knauth

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Kairo: Völlig überraschend hatte die ägyptische Regierung Ende Januar beschlossen, den Wechselkurs des ägyptischen Pfundes (EGP) gegenüber dem US-Dollar freizugeben. De facto bedeutete dies eine Abwertung des Pfundes. Der offizielle, von Regierung und Zentralbank bestimmte Wechselkurs von 4,5 existierte bereits seit langem nurmehr auf dem Papier; inoffiziell wurde der Dollar wegen der anhaltenden Devisenknappheit auf dem Schwarzmarkt für 5,3 EGP und mehr gehandelt.

Nach Aufhebung der Kontrolle über den Devisenmarkt können Geschäftsbanken und Finanzinstitute mit Berechtigung zum Devisengeschäft seit 29. Januar den Wechselkurs für ausländische Devisen wie US-Dollar (USD) und Euro je nach Angebot und Nachfrage selbst bestimmen. Alle Banken berichten regelmäßig über die getätigten Transaktionen und den Wechselkurs, zu dem sie statt gefunden haben, an die ägyptische Zentralbank (CBE - Central Bank of Egypt), die dann den offiziellen Wechselkurs als Durchschnittswert der genannten Kurse kalkuliert und als Orientierungsgröße vorgibt.

Die Meinungen über die überraschende Maßnahme der Regierung, die Premierminister Dr. Atef Ebeid anlässlich der Eröffnung einer Wirtschaftskonferenz des Economist verkündet hatte, gingen auseinander: Die einen begrüßten die Flexibilisierung als längst überfällige Maßnahme, andere befürchteten einen drastischen Wertverfall der ägyptischen Währung.

Werden die negativen Folgen einer Abwertung des Pfundes durch die Vorteile eines realistischen Wechselkurses wett gemacht? Und wird sich der Kurs nach einer chaotischen Anfangszeit mit stark steigenden Dollar- und Eurokursen beruhigen und auf ein realistisches Maß einpendeln? Yasser A. Ibrahim, Chief Representative der Commerzbank AG in Ägypten, hält die Entscheidung für richtig, weil durch sie der inoffizielle Kurs zum offiziellen gemacht wurde: "Firmen und Privatpersonen haben, wo immer es möglich war, Währungen auf dem Parallelmarkt getauscht. Das Resultat war, dass die lokalen Banken nur begrenzte Fremdwährungsmittel zur Verfügung hatten und diese auch nicht gerne abgaben."

Herr Ibrahim berichtet über die unmittelbaren Folgen der Maßnahme: Am 30. Januar, dem Tag nach Einführung des neuen Systems des "free floating", herrschte Chaos am Markt, am 1. Februar veröffentlichte die CBE den ersten neuen Wechselkurs. Er lag mit 5,35 (bei Ankauf eines US-Dollars) und 5,38 bei Verkauf von USD um rund 16 Prozent über dem vorigen starren Wechselkurs. Für den Euro, dessen Kursbestimmung sich nach wie vor am US-Dollar als "Leitwährung" orientiert, lagen die Kurse bei 5,77 (Ankauf) bzw. 5,83 (Verkauf). Vier Tage später wurden bereits Kurse von 5,65 (Ankauf von USD) und 5,70 (Verkauf von USD), sowie von 6,10 (Ankauf von Euro) und 6,17 (Verkauf von Euro) notiert. Allerdings gaben Banken und Geldwechsler auf Nachfrage Ibrahims an, dass zu den genannten Kursen in der Regel keine Währungen verkauft wurden; eine wundersame Devisenvermehrung hatte sich nicht eingestellt. Auch die CBE löste nicht Teile ihrer Währungsreserven auf, so dass Transaktionen nicht möglich waren. "Es kann nur verkauft werden, was vorhanden ist", kommentiert Manfred Pflüger, Hauptrepräsentant der Dresdner Bank AG in Kairo. "Daher ist es erforderlich, eine Vertrauensbasis aufzubauen, u.a. bei Exporteuren und den ägyptischen Gastarbeitern, die ihre Währungsbeträge bei den Banken anlegen müssten." Mehr Devisen gäbe es bei der Devisenknappheit auf dem Markt momentan nur, wenn Firmen von sich aus wegen der gestiegenen Importpreise die Nachfrage nach eingeführten Waren drosseln würden. Oder wenn Privatleute ihre Dollarreserven angreifen würden - was sie aber wegen ihres mangelnden Vertrauens in die ägyptische Währung derzeit nur aus einer Notlage heraus tun werden.

Der Preis für die ausländischen Währungen stieg damit weiter. Experten rechnen damit, dass sich der Kurs nach Monaten - die Regierung hofft nach Wochen - bei circa 5,50 (für den Kauf, bzw. Verkauf von USD) einpendeln wird. Diese Zahl nannte nach Auskunft Ibrahims auch der Zentralbankgoverneur Dr. Mahmoud Aboul Eyoun als realistischen Wert des EGP. An der Börse, so berichtet Yasser A. Ibrahim, haben Firmen, die mit ihren Geschäften Fremdwährungen generieren, beträchtliche Kursgewinne erzielt, da Investoren sich bei diesen Firmen eine überproportionale Steigerung ihres Einsatzes erhoffen.

Welche Veränderungen haben die steigenden Kurse von US-Dollar und Euro im allgemeinen und für die hier tätigen in- und ausländischen Unternehmen im Speziellen zur Folge? Im Inland hemmte der Mangel an Devisen bisher das Importgeschäft ebenso wie die lokale Produktion, der Export ägyptischer Produkte wurde durch den künstlich hoch gehaltenen Kurs des EGP stark erschwert. Immer mehr Devisen flossen in den blühenden "Schwarzmarkt" und somit am offiziellen Bankensystem vorbei. Die Regierung dagegen beschränkte über die führenden Banken, die sich allesamt in Staatshand befinden, den Einsatz ausländischer Zahlungsmittel auf das Allernötigste und erschwerte den Import ausländischer Waren.

Die Freigabe der Wechselkurse hat am auffälligsten zunächst die Preise verteuert, für importierte Waren ebenso wie für einheimische Erzeugnisse - interessanterweise auch für solche Produkte, die nicht von ausländischen "Zutaten" abhängen. Teilweise ist die Preiserhöhung nicht auf den ersten Blick ersichtlich: So ist beispielsweise Körner- und Mischbrot bei einem Bäcker seit kurzem wesentlich heller als früher geworden, da die Kosten für das dunkle, importierte Mehl ebenfalls gestiegen sind. John Roberts, Geschäftsführer der Supermarktkette Metro Markets, berichtet, dass Preissteigerungen bei Importwaren sowie bei lokal produzierten Gütern mit importierten Grundstoffen unvermeidlich seien: "Wir arbeiten jedoch daran, die Preise der einheimischen Produkte zu senken, um diese Preissteigerungen zu kompensieren." Ob das Warensortiment eingeschränkt werden müsse, hänge auch davon ab, "ob wir genug Devisen bekommen können, um die Waren zu bezahlen, die wir von den Importeuren beziehen und auf deren Preise wir kaum Einfluss haben."

"Eine Katastrophe", nennt Hans-Jürgen Schmidt, General Manager der Bayer AG in Ägypten die Wechselkursfreigabe und fährt fort: "Eigentlich müssten wir alle paar Tage die Preise erhöhen, aber wer soll unsere Produkte dann noch kaufen?" Hermann Fenzel, Consultant bei der Akhbar el-Yom Publishing Group in 6th of October, ist in der glücklichen Lage, bei einem halbstaatlichen und entsprechend subventionierten Unternehmen beschäftigt zu sein, "sonst könnten wir die Druckerei dicht machen", wie er sagt. Die Produktion der Tageszeitung verschlingt jede Nacht 50 Tonnen Papier, bei einem Stückpreis von 600 USD - und nun muss ein Anstieg der Kosten um mindestens 20 Prozent verkraftet werden.

Die Lufthansa hat bereits reagiert und ihre Preise in EGP um 20 Prozent erhöht. Wie alle deutschen Unternehmen bewertet und verbucht die Fluggesellschaft alle Einnahmen in Ägypten in Euro. Jede Abwertung des EGP reduziere die Erträge und erfordere Gegenmaßnahmen, wie Werner Heesen, General Manager der Kairoer Filiale der Lufthansa Passage, erläutert. Neben einer Reduzierung des Sitzplatzangebotes für Sondertarife aus Ägypten sowie Flugplanveränderungen müsste sonst auch die Einstellung von Linienflügen in Betracht gezogen werden. Von Sommer 2002 bis zur ersten Februarhälfte 2003 seien z.B. die Nettoeinnahmen in Euro für ein "Excusion Fare Ticket" Cairo-Frankfurt in der Economyclass um 24% zurück gegangen. Heesen hofft auf ein dauerhaftes Ende der Devisenbewirtschaftung und darauf, dass "uneingeschränkte Geldtransfers für deutsche Unternehmen wieder möglich werden." "Im Luftverkehr", so führt er weiter aus, "verstößt Ägypten durch die Blockierung von Pfundguthaben ausländischer Fluggesellschaften gegen internationale Vereinbarungen."

Auch DaimlerChrysler hat inzwischen die Preise angehoben. Michael Balke, Werkleiter der Egyptian German Automotive (EGA) klagt darüber, dass das Unternehmen von beiden Währungsverschiebungen betroffen sei, von der Abwertung des EGP ebenso wie von der Verschiebung zwischen Euro und Dollar, da Zubehörteile in Euro angekauft werden und auch lokal produzierte Teile importierte und in Euro bezahlte Komponenten enthalten. Michael Balke sieht keine Möglichkeit, einen Kostenanstieg von rund 20 Prozent anders als durch höhere Preise zu kompensieren: "Selbst wenn wir alle Leute entlassen würden, könnten wir damit nur ein Viertel der zusätzlichen Kosten einsparen, mehr als fünf Prozent machen unsere Personalkosten nicht aus." Sorgen macht er sich aber, wie der Markt Preissteigerungen, gerade bei den kleineren Fahrzeugen, aufnehmen wird. Ein Unternehmen wie DaimlerChrysler könne vielleicht Gewinneinbußen über eine kürzere Zeitperiode noch verkraften, müsse aber trotzdem am Markt präsent bleiben. "Wie aber können kleinere Firmen in dieser Situation überleben?", fragt sich der Manager. Seine Befürchtungen gehen dahin, dass trotz der "Währungskorrektur" eine schleichende Inflation anhalten könnte.

Dr. Atef Ebeid nannte die Freigabe des Wechselkurses eine historische Maßnahme, die "zum ersten Mal in der modernen Geschichte der ägyptischen Wirtschaft" ergriffen werde. Die Flexibilisierung des bislang starren Wechselkurssystems war seit langem von Wirtschaftsexperten, Weltbank und Internatonalem Währungsfond (IWF) gefordert worden und wurde von dieser Seite überwiegend begrüßt, auch als wichtigen Schritt zur Reform des gesamten ägyptischen Währungs- und Finanzsystems. Der Vertreter der Bundesagentur für Außenwirtschaft (bfai) in Ägypten, Max-Helmut Semich, kommentiert die Maßnahme folgendermaßen: "Die Flexibilisierung der Wechselkurse ist sicherlich ein Schritt in die richtige Richtung, wenn auch ein momentan schwieriger Schritt. Der Zeitpunkt der Maßnahme ist sicherlich nicht besonders glücklich gewählt, da die ägyptische Wirtschaft infolge der Auswirkungen von Nahost- und Irak-Krise bereits verunsichert war und diese Verunsicherung nun noch zugenommen hat. Wenn die Ungewissheit über die Nahost- und Irak-Krise beseitigt sein wird, bietet das System floatender Wechselkurse ein Instrument, um auf die neuen Gegebenheiten und Herausforderungen weitaus flexibler eingehen zu können als dies zuvor möglich war." Herr Semich weist darauf hin, dass die Nachfrage nach USD und Euro immer das Angebot übersteigt. Fallen nun Devisenquellen wie die Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft durch die politische Lage in der Region aus, verstärkt sich der permanente Abwertungsdruck auf das EGP noch.

Bleibt abzuwarten, ob nicht diese Deviseneinbußen die Abwertung des EGP so stark forcieren werden, dass die staatlichen Währungshüter die Notbremse ziehen und dem Floaten ein Ende setzen werden. Von der jederzeitigen Verfügbarkeit von US-Dollar und Euro - auch in größeren Summen - wird es abhängen, auf welchem Niveau sich die Wechselkurse einpendeln werden.

Der angesprochene von der ägyptischen Zentralbank tagesaktuell festgelegte Wechselkurs ist auf der Website der CBE unter www.cbe.org.eg abfragbar. Am 23. Februar wurde er mit 5,50 für den Ankauf von USD und 5,92 für den Ankauf von Euro angegeben.

Quellen:
Ich danke Max-Helmut Semich (BfAI), dass ich eine von ihm erstellte Studie zur Wechselkurs-Flexibilisierung benutzen durfte. Danke auch an Yasser A. Ibrahim (Commerzbank), Manfred Pflüger (Dresdner Bank), Hans-Jürgen Schmidt (Bayer AG), John Roberts (Metro Markets), Hermann Fenzel (Akhbar el-Yom Publishing Group), Werner Heesen (Lufthansa) und Michael Balke (EGA) für ihre Stellungnahmen.

Al Ahram Weekly, Ausgabe 30. Januar bis 5. Februar (Titel und Wirtschaftsseite)

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