Bauchtanz in Kairo: Raqia Hassan

von Conny Wolter

Raqia Hassan, die sich unumstritten in der weltweiten Bauchtanzszene einen Namen gemacht hat, träumte schon als kleines Mädchen davon eine große Tänzerin zu werden. Ihre Karriere begann, als sie 1964 Mitglied in der Reda Troup, einem Folkloreensemble, wurde. Nach 15 Jahren Tanzerfahrung begann sie schließlich selber zu unter-richten. Dabei entdeckte sie immer mehr den Bauchtanz für sich, in dem sie sich selbst fand und sich zu Hause fühlt. Mit einem raffinierten Mix aus Folklore und Bauchtanz hat sie ihren eigenen und unverwechselbaren Stil entwickelt. Nicht zuletzt unterrichtete sie berühmte Tänzerinnen wie Azza Sherif, Nelly Fouad und Dina. Durch ihre frühe Heirat mit 19 Jahren und der Geburt ihrer beiden Söhne blieb es ihr verwehrt, selbst auf die Bühne zu gehen. Sie konzentrierte sich somit auf das reine Unterrichten, in dem sie bis heute ihre Erfüllung findet.

Bereits in den achtziger Jahren erhielt Raqia Hassan die ersten Unterrichtsangebote aus dem Ausland. Aber erst 1990 entschied sie sich, ins Ausland zu reisen um dort zu unterrichten. Ihr erstes Gastland war die Türkei und sie war sehr überrascht von der Tatsache, dass unter den Workshopteilnehmerinnen nicht eine einzige Türkin war. Es nahmen nur Frauen aus dem europäischen Ausland teil.

Sie fand Geschmack am Reisen und so führte ihr Weg weiter nach Brasilien, Japan, Amerika, Finnland, Deutschland, Schweiz, Singapur uvm. Mit Entsetzen stellte sie bei ihren Reisen fest, dass in vielen Ländern auf der Welt große orientalische Tanzfestivals durchgeführt werden, jedoch teilweise von Veranstaltern, die noch nie in Ägypten gewesen sind. Sie empfand diese Festivals als ausgesprochen kommerziell und weit entfernt von der ägyptischen Kultur und einem authentischen Gefühl.

Parallel dazu machte Raqia immer häufiger in ihren Workshops die Erfahrung, dass viele Teilnehmerinnen zwar schon auf eine jahrelange Lernerfahrung zurückblicken konnten, nach dem Unterricht mit ihr jedoch völlig frustriert waren und das Gefühl hatten, noch nie wirklich getanzt zu haben. Erst während des Workshops bekamen die Frauen ein Gefühl für das, was ägyptischer Bauchtanz bedeutet. So kam Raqia immer mehr zu der Überzeugung, dass es im Grunde genommen ein "Muss" für jede Tänzerin (und jede, die es werden will), ist, nach Kairo zu reisen, sich die großen Stars in den Clubs anzusehen, einen Eindruck von der Kultur zu gewinnen und den "Egyptian Way of Life" zu erleben.

Allmählich wuchs in ihr der Wunsch, ein ägyptisches Bauchtanzfestival zu organisieren. Fünf Jahre dauerte es, bis dann 1999 das erste Bauchtanzfestival in Kairo unter dem Motto "Ahlan we sahlan" stattfinden konnte. Raqia erfuhr die breite Unterstützung ihrer ägyptischen Kolleginnen und Kollegen, nicht zuletzt auch von legendären Stars wie z.B. Mahmoud Reda und so gelang es ihr, 25 Dozenten zu gewinnen. Am diesjährigen Festival nahmen mehr als 400 Teilnehmer teil.

Das kommende Festival ist bereits in Planung und soll vom 10.06.- 16.06.03 im Mena House stattfinden. Es wird neben Dina und vielen anderen Stars sogar Nagwa Fouad als Dozentin erwartet. Durch das Festival ist es Raqia Hassan nicht nur gelungen, den Bauchtanzbegeisterten in aller Welt ein gebündeltes Know-how-Event in ägyptischer Atmosphäre zu bieten, sondern sie hat auch für die Dozenten eine Plattform geschaffen, sich auf internationale Wege zu begeben. Erst durch das Festival haben ägyptische Dozenten den Sprung in die internationale Szene geschafft und werden nun häufig als Gastdozenten weltweit eingeladen.

Während des diesjährigen Festivals im Juni (Papyurs berichtete in der vorherigen Ausgabe) hatte ich Gelegenheit mit Raqia zu sprechen. Sie freut sich besonders darüber, dass es ihr durch das Festival gelungen ist, die ägyptischen Medien für Bauchtanz zu interessieren. Gleich nach dem ersten Festival hat das Fernsehen begonnen, Interviews mit Tänzerinnen zu machen, was es vorher nie gegeben hat, denn nach wir vor erfreut sich der Bauchtanz leider auch bei vielen Ägyptern eines nicht besonders guten Rufes. Raqia führt das auf alte Zeiten zurück, wo besonders in Filmen eine Tänzerin als "nicht ganz ehrenwerte Person von zweifelhaftem Ruf" dargestellt wurde. Raqia hat große Hoffnung, dass sich dieses Vorurteil - auch in Ägypten - abbauen wird und kann langsam eine Veränderung feststellen

Auf meine Frage, was denn ihr sehnlichster Wunsch sei, antwortet sie nach einer kurzen Pause: "Wissen Sie, um eine gute Bauchtänzerin zu werden, muss man sehr hart an sich arbeiten, ähnlich wie im Ballett. Leider wissen oder vermuten das die wenigsten Menschen. Ich wünsche mir, dass alle Bauchtänzerinnen auf der Welt dazu beitragen, das Niveau und das Image des Tanzes zu verbessern. Eine Tänzerin darf nie aufhören zu lernen, auch ich lerne jeden Tag. Ausserdem wünsche ich mir mehr Respekt, auch von meinem Volk, für den Tanz und für die Ausländer."

Derzeit gibt es in Ägypten ca. 200 professionelle Bauchtänzerinnen. Viele davon tanzen auf den Schiffen, in den Hotelclubs oder in den Clubs in der Pyramidenstraße in Kairo. Nicht alle Tänzerinnen sind Ägypterinnen, es gibt auch zahlreiche Ausländerinnen, die ihre Kunst unter Beweis stellen. Tänzerinnen zum Beispiel aus Russland, Brasilien, Tunesien oder auch Amerika glänzen mit kunstvollen Darbietungen. Vor kurzem wurde in der Presse berichtet, dass die ägyptische Regierung beabsichtigt, ausländischen Tänzerinnen öffentliche Auftritte zu verbieten. Eine solche Regelung wäre fatal, denn das würde im gleichen Atemzug bedeuten, dass die ägyptischen Tänzerinnen weltweit auch nicht mehr zu Auftritten und Workshops eingeladen werden würden.

Neben ihren vielen Unterrichtsreisen gibt Raqia Hassan in Kairo Privatunterricht und erstellt maßgeschneiderte Choreographien für Profitänzerinnen. Auf meine Frage, warum sie denn heute weder in Europa noch in Kairo öffentlich auftritt, antwortet sie mit einem Lächeln: "Ich weiss, ich denke bestimmt anders als ihr in Europa. Eine Bauchtänzerin ist wie eine Königin. Ich finde, sie sollte jung sein, einen guten Körper haben, gut aussehen und gesund sein. Und vor allem sollte sie so klug sein zu wissen, wann es an der Zeit ist aufzuhören."

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